Selbsthilfegruppen & Mobbing


Die Zahl der Selbsthilfegruppen allein in Deutschland wird auf 100 000 geschätzt. Etwa  3% der erwachsenen Bevölkerung dürften aktuell Mitglied einer solchen Gruppe sein. Natürlich kommt es auch hier zu Konflikten, zu Rivalitäten und Hahnenkämpfen. Auch zu Mobbing.
Im allgemeinen aber nicht mit jener existenziellen Wucht wie etwa im beruflichen oder schulischen Rahmen.

Auch deswegen bilden Selbsthilfegruppen auf der ‚Mobbing-Landkarte‘ gewissermaßen einen weißen Fleck. Über dieses besondere Phänomen ist wenig bekannt.
Bitter ist vor allem, wenn auch Freundschaften zerstört werden, wenn das soziale Ansehen geschädigt wird, wenn Vertrauen verloren geht.

Mobbing und Victim-Blaming

Was meint Mobbing genau? Worin unterscheidet es sich von einfachem Streit, von Aggression, von Konflikt?
Zunächst: Mobbing zielt i.A. auf die soziale Position innerhalb einer Gruppe. Die angegriffene Person soll innerhalb der Gruppe „klein gemacht“ werden.  „Das Ziel besteht immer in der Ausgrenzung dieser Person.“  (s. Schwickerath)
Angenommen, Sie sind die angegriffene Person. Das gegen Sie gerichtete Mobbing könnte dann in diesen drei Phasen verlaufen:

1. Sie werden von einer Person attackiert, wobei der Übergriff oft mit verbaler oder psychischer Gewalt erfolgt. Dazu muss es keinen Anlass geben. Allein die Art, wie Sie reden, wie Sie denken, wie Sie gehen, wie Sie sich kleiden, kann genügen, um sich auf Sie „einzuschießen“.

2. Es erfolgt eine Umkehr der Kausalität, ein „Victim-Blaming“. Sofern Sie auf den aggressiven Übergriff reagieren, auch friedlich, wird Ihre Reaktion als „böse Tat“ hingestellt und die übergriffige Person wird sich als ihr „Opfer“ darstellen.

3. Die mobbende Person wird mit manipulativem Verhalten, mit Stimmungsmache und der „Mobilisierung“ weiterer Personen versuchen, Sie aus der Gruppe zu vertreiben, auszustoßen.

Am Ende stehen Sie herabgewürdigt, geächtet und isoliert da, als  Outcast – ohne der Person oder anderen aus der Gruppe irgendetwas getan zu haben.

Derartiges kann (im Großen) sogar gesellschaftliches „System“ sein und zu schreiendem Unrecht werden:

In den Emiraten fallen Vergewaltigungen wie in vielen mehrheitlich islamischen Ländern .. unter die Scharia, das islamische Recht. Gemäß der Scharia ist Vergewaltigung entweder Ehebruch oder außerehelicher Sex, der grundsätzlich verboten ist. … Wie im Fall der Norwegerin enden die Klagen von Frauen deshalb meist damit, dass sie selbst wegen Ehebruch oder außerehelichem Sex verurteilt werden.
[Quelle: „Schuld ist immer die Frau“ in taz.de/!5062688]

Sonderfall und Ausnahmefall

Was macht den Fall, der hier geschildert wird, zu einem „besonderen“ Fall? Es geht um eine 12-Schritte-Gruppe, um Menschen mit hohen moralischen Ansprüchen.
In jedem Meeting werden Schritte verlesen, Traditionen, eine Präambel und anderes aus der ‚A-Literatur‘.
Ein ‚Neuling‘ könnte den Eindruck gewinnen, er sei zu einem Orden, zu einer moralischen Elite gestoßen. Da passt Mobbing natürlich nicht ins Bild.
Das Phänomen aber ist durchaus bekannt. CoDA, eine weitere 12-Schritte-Gruppe, kennt und nennt Mobbing sogar als ersten Grund, eine sogenannte meeting-inventur-mobbing.jpgGruppeninventur“ durchzuführen.
In dem hier dokumentierten Fall geht es um EA (Emotions Anonymous), eine Selbsthilfegruppe für seelische Gesundheit.
Viele dort wissen, was Depression bedeutet, manche kennen auch Lebenskrisen und Suizidgedanken.
Es ist bekannt, dass Mobbing und Ausgrenzung eben dies auslösen kann: Depressionen, Krisen, Suizidgedanken.
Mobbing ausgerechnet in einer Selbsthilfegruppe für seelische Gesundheit, ausgerechnet in einer Gruppe mit hohen moralischen Ansprüchen und Vorgaben: es ist beschämend für die Gruppe selbst und tangiert die Glaubwürdigkeit von Emotions Anonymous im Ganzen.

Dass dieses Geschehen auf dem Blog von EA-Deutschland (anonym) angesprochen werden kann, dass auch Themen wie Pluralität und Atheismus zur Diskussion gestellt werden, spricht für diese Gemeinschaft!

Was ebenfalls deutlich gesagt werden muss: Dieser Fall von Mobbing ist ein Ausnahmefall. Als solcher wird er hier dokumentiert.
Mit EA und den Menschen, die ich dort traf, habe ich viele Jahre nur die besten Erfahrungen gemacht. Das gilt auch für diese konkrete Gruppe – bis Ende 2017.
Der (mobbende) Akteur war im Wesentlichen eine einzige (jedoch wortführende) Person.

Publikation und Dokumentation – warum?

Zunächst: dokumentiert wird ausschließlich ein Mobbingverlauf. Für Mobbing wie für jede Form physischer, psychischer oder sexueller Gewalt kann es kein Gesetz des Schweigens geben, auch nicht für 12-Schritte-Gruppen.
Diese Dokumentation achtet die Anonymität von Beteiligten. Es werden keinerlei persönliche Daten oder gar Geheimnisse preisgegeben. Nicht einmal Vornamen werden genannt, auch nicht die im deutschsprachigen Raum gelegene Stadt, in der sich die Gruppe trifft.
Und warum umfangreich dokumentiert? Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist es die besondere Infamie des Mobbings, die es schwer macht, in ohnmächtigem Schweigen zu verbleiben. Zur Infamie gehört hier auch: die mobbende Person weiß um die gesundheitliche Gefährdung des anderen.
Schließlich ist es auch eine Eigenheit des Autors, die einen anderen Blick auf das Geschehen nimmt.
Man stelle sich einen Wissenschaftler vor, der sich eine Vergiftung zuzieht. Er wird diese Vergiftung zunächst erleiden, vielleicht sogar quälend.
Da er wissenschaftlich geschult ist, wird er diese Vergiftung an sich selbst womöglich anders wahrnehmen. Er wird anders damit umgehen. Er beobachtet sich, er beobachtet, was sich ändert, was mit ihm geschieht, was um ihn herum geschieht.
Mobbing kann man in gewisser Weise auch als eine „soziale Vergiftung auf Raten“ sehen. Sukzessive träufelt „das Gift“ (Beschimpfungen, Gerüchte …) in jene Adern, die einen Menschen mit seinem sozialen Umfeld (oder Teilen davon) verbinden. Adern und ein Umfeld, auf das ein Mensch als soziales Wesen angewiesen ist.
In diesem, in meinem Fall erkannte ich auf einmal: Hier startet, hier läuft ein geradezu modellhaftes Mobbing  – als „soziales Feldexperiment“ . In Echtzeit. Spätestens in der ersten Woche des neuen Jahres wurde klar: Das ist kein „normaler Konflikt“, den man wieder beilegen könnte. Hier geht es um die zielgerichtete Ausgrenzung eines Einzelnen, eines „Freundes“ aus einer Gruppe. Um Mobbing.
Dass dieser ein mit Depressionen ringender Mensch ist, ist dem, der mobbt, bekannt und bewusst. Und doch hat er keine Skrupel.
Es war diese Wahrnehmung, diese Erkenntnis eines modellhaften und zugleich außergewöhnlichen Geschehens, die irgendwann im Januar zu dem Entschluss führte, das Erlebte/Erlittene zu „protokollieren“, zu dokumentieren.

Hier geht es zum Turbo-Mobbing-Tagebuch

Und hier die hohe Moral, die in diesem Fall bzw. in dieser Gruppe gerissen wurde wie die Latte beim Stabhochsprung:

    • Wir haben von uns eine gründliche und furchtlose Gewissens-Inventur gemacht.
    • Wir haben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen die genaue Art unserer Verfehlung eingestanden.
    • Wir waren völlig bereit, alle diese Charakterfehler von Gott beseitigen zu lassen.
    • Demütig haben wir ihn gebeten, uns von unseren Mängeln zu befreien.
    • Wir haben eine Liste aller Personen aufgestellt, die wir verletzt hatten und sind bereit geworden, dies wieder gutzumachen.
    • Wo immer möglich haben wir diese Menschen entschädigt, es sei denn, sie oder andere würden dadurch verletzt.
    • Wir haben unsere persönliche Inventur fortgesetzt und wenn wir unrecht hatten, gaben wir es sofort zu.

Wir bemühen uns um eine Atmosphäre der Liebe und der Annahme. Für uns ist es nicht wichtig, wer du bist oder was du getan hast. Du bist willkommen.


  • Nur für heute will ich jemandem etwas Gutes tun, ohne dabei entdeckt zu werden – wenn jemand davon erfährt, zählt es nicht. Ich werde mindestens eine Sache tun, die ich nicht gerne tue, und ich will meinem Nächsten einen kleinen Liebesdienst erweisen.
  • Nur für heute will ich mich bemühen, zu jemandem, den ich treffe, freundlich zu sein. Ich will rücksichtsvoll sein, leise sprechen und so gut aussehen, wie ich kann. Ich will keine unnötige Kritik üben und nach Fehlern suchen.Quelle: ea-selbsthilfe.net/literatur
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